Geschichte erleben, Verantwortung verstehen – Sechstklässler auf jüdischen Spuren in Münzenberg
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Geschichte wird besonders dann greifbar, wenn sie dort entdeckt wird, wo Menschen gelebt, gearbeitet und ihre Spuren hinterlassen haben. Aus diesem Grund begaben sich alle sechsten Klassen der Singbergschule Wölfersheim auch in diesem Jahr auf eine historische Wanderung nach Münzenberg. Im Mittelpunkt stand die Auseinandersetzung mit jüdischem Leben in der Wetterau sowie den Auswirkungen der nationalsozialistischen Verfolgung auf die Menschen vor Ort.
Der Höhepunkt war der Besuch des Kulturhauses Alte Synagoge. Dort vermittelte der ehemalige Fachbereichsleiter der Schule Uwe Müller als Vorsitzender des Freundeskreises Burg und Stadt Münzenberg anschaulich die Geschichte jüdischer Familien aus der Region. Anhand persönlicher Schicksale wurde für die Kinder nachvollziehbar, wie Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung das Leben vieler Menschen veränderten. Die Biografie von Erwin Elieser Katz aus Münzenberg, der 1934 nach Palästina floh und dessen Familie in Auschwitz ermordet wurde, verdeutlichte dabei eindrucksvoll, wie eng Hoffnung, Mut und Verlust miteinander verbunden sein können. Der Vortrag wurde begleitet durch sehr persönliche Erzählungen von Uwe Müller, der sich mit seiner Frau Mitte der achtziger Jahre auf die Suche nach überlebenden Münzenberger Juden gemacht hatte. So entstand zwischen der Familie Müller und Familie Katz eine enge Beziehung, die bis heute hält, auch nach dem Tod von Erwin Katz und seiner Frau. Müller mahnte: „Lebt in einem freundlichen Miteinander im Rahmen einer demokratischen Gesellschaft, damit so etwas Menschenverachtendes nie wieder passiert!“ Man könne Kritik üben, auch an der heutigen Regierung in Israel, das dürfe aber nicht dazu führen, jüdische Menschen zu hassen.
Ergänzt wurde die historische Spurensuche durch eine literarische Annäherung an die Zeit des Nationalsozialismus. Auszüge aus dem Jugendroman „Damals war es Friedrich“ von Hans Peter Richter, gelesen von Laura Pinecker, Antje Schmidt, Niels Vosteen, Julia Thiel und Karolin Kreyling, eröffneten den Schülerinnen und Schülern einen weiteren Zugang zu den Themen Freundschaft, Ausgrenzung und gesellschaftliche Verantwortung. Richters Roman aus dem Jahr 1961 zeigt eindrucksvoll, wie Vorurteile, Hass und Diskriminierung selbst engste Beziehungen zerstören können.
Im anschließenden Austausch standen die Gedanken und Fragen der Kinder im Mittelpunkt. Gemeinsam wurde darüber gesprochen, welche Bedeutung Werte wie Respekt, Zivilcourage und Mitmenschlichkeit heute haben. Dabei entstanden zahlreiche Verbindungen zwischen historischen Ereignissen und aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen.
Die Verbindung aus lokalgeschichtlichem Lernen, Literatur und persönlichem Dialog hat sich erneut als wertvoller Beitrag zur Demokratiebildung erwiesen. Sie ermöglicht den Schülerinnen und Schülern nicht nur einen Zugang zur Vergangenheit, sondern stärkt zugleich ihre Fähigkeit, Verantwortung für ein respektvolles Miteinander in der Gegenwart zu übernehmen.
Die Singbergschule bedankt sich bei allen Beteiligten sowie der Stadt Münzenberg für die freie Nutzung der Räumlichkeiten und insbesondere dem Hausmeister Ottmar Schäfer für die Begleitung der Veranstaltung, so dass diese besondere Form des Lernens Jahr für Jahr ermöglicht wird. „Solche Begegnungen tragen dazu bei, Erinnerung lebendig zu halten und junge Menschen für die Werte einer offenen und demokratischen Gesellschaft zu sensibilisieren“, resümierten Fachbereichsleiter Dr. Matthias Zipp und Katharina Pietsch, die die Projekttage auch in diesem Jahr federführend organisiert und das Konzept für die literarisch-historische Lesung ausgearbeitet hatten. (PIK/ZIM)





