07
FEB.
2026

„Das geht unter die Haut“ – Zweitzeugengespräch macht NS-Verbrechen und Rassismus bis heute begreifbar

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#SBSerinnert:
Wölfersheim. An zwei Terminen am 4. und 6. Februar 2026 setzten sich die Abschlussklassen 9H und 10R der Singbergschule Wölfersheim intensiv mit der Geschichte der Sinti und Roma sowie den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinander. Im Mittelpunkt stand ein Zweit- und Zeitzeugengespräch mit Ricardo Lenzi Laubinger, dem Vorsitzenden der Hessischen Sinti-Union, der aus Wiesbaden angereist war.

Initiiert wurde die Veranstaltung von der Fachschaft Geschichte und organisatorisch begleitet von Katharina Pietsch, Beauftragte für die „Öffnung von Schule“, sowie Dr. Matthias Zipp, Fachbereichsleiter II. Die Durchführung des Projekts wurde durch die finanzielle Förderung der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung ermöglicht, der die Schule seit vielen Jahren für ihr Engagement in der Erinnerungs- und Demokratiearbeit verbunden ist.

Zu Beginn wurde in kurzen Ansprachen deutlich, wie wertvoll direkte Begegnungen mit Zeit- und Zweitzeugen für junge Menschen sind. Persönliche Lebensgeschichten könnten historische Ereignisse begreifbar machen und dazu beitragen, demokratische Grundwerte zu stärken sowie Vorurteilen und Ausgrenzung entschlossen entgegenzutreten.

Nach der Einführung stimmte ein kurzer Film die Schülerinnen und Schüler auf das Thema ein. Anhand historischer Bild- und Filmdokumente wurde das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen verdeutlicht und eine ruhige, nachdenkliche Atmosphäre geschaffen.
Man merkt sofort, dass das kein normales Unterrichtsthema ist, sondern etwas, das einen persönlich betrifft“, sagte eine Schülerin der Klasse 10R im Anschluss.

Im anschließenden Gespräch berichtete Ricardo Lenzi Laubinger von der Geschichte seiner Familie, die während der NS-Zeit schwerste Verfolgung erleiden musste. Auch wenn er selbst nicht Opfer des Holocausts war, schilderte er eindrucksvoll die seelischen Verletzungen, die diese Zeit bei seinen Angehörigen hinterlassen hat. Besonders erschütternd war der Bericht über seine Mutter, die als einziges Mitglied ihrer Familie das Konzentrationslager Auschwitz überlebte und dort den Mord an ihren Eltern und Geschwistern miterleben musste..
Ein Schüler aus der 9H erklärte dazu: „Wenn jemand vor einem sitzt und von seiner eigenen Familie erzählt, versteht man erst, was diese Geschichte wirklich bedeutet.

Über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus machte Laubinger deutlich, dass Ausgrenzung und Benachteiligung für Sinti und Roma auch nach 1945 keineswegs beendet waren. Er berichtete von polizeilichen Erfassungen, zu denen Angehörige der Minderheit weiterhin verpflichtet wurden, sowie von der systematischen Ablehnung von Entschädigungsanträgen. Selbst schwerste Schicksale seien lange Zeit nicht anerkannt worden – ein Umstand, der viele der Jugendlichen besonders fassungslos zurückließ.
Ich dachte immer, nach dem Krieg wäre alles besser gewesen – das stimmt so einfach nicht“, stellte eine Schülerin nachdenklich fest.

Doch das Gespräch blieb nicht in der Vergangenheit verhaftet: Der Zeitzeuge schlug immer wieder die Brücke in die Gegenwart und warnte vor den aktuellen Formen des Alltagsrassismus, für die er ebenfalls Beispiele gab.

Die Schülerinnen und Schüler hörten aufmerksam zu und zeigten sich tief bewegt. In der abschließenden Gesprächsrunde stellten sie zahlreiche Fragen, die Laubinger ausführlich und offen beantwortete. Die rege Beteiligung zeigte, wie intensiv sich die Jugendlichen mit den geschilderten Erfahrungen auseinandergesetzt hatten. Zum Ende der Veranstaltung rief Laubinger dazu auf, Verantwortung zu übernehmen und sich aktiv für Menschenrechte, Demokratie und ein respektvolles Miteinander einzusetzen.
Das Gespräch hat mir gezeigt, dass Wegschauen keine Option ist“, fasste ein Schüler zusammen.

Die beiden Veranstaltungstage hinterließen bei Lernenden und Lehrkräften einen nachhaltigen Eindruck. Die Schule betonte im Nachgang, wie wichtig solche Begegnungen für eine lebendige Erinnerungskultur seien und dass Geschichte gerade durch persönliche Erfahrungen ihre eindringlichste Wirkung entfalte. (PIK/ZIM)